Rhaetia 1
Die RHÆTIA

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Die Geschichte unserer Nr. 1

Sie hat unzählige Seiten, die Rhätische Bahn (RhB). 1889 schlug sie die erste Seite ihrer Erfolgsgeschichte auf: Die Dampflok G 3/4 Nr. 1 mit dem klingenden Namen RHÆTIA zieht den Eröffnungszug der damaligen Landquart-Davos-Bahn (LD) von Landquart durchs Prättigau hinauf nach Klosters.

Die RHÆTIA besitzt neben ihrem technischen, wirtschafts- und industriegeschichtlichen vor allem auch einen grossen ideellen Wert; für die RhB, für den Kanton Graubünden aber auch für die vielen Bahnfans aus aller Welt. Sie nimmt innerhalb des umfassenden historischen Rollmaterialparks der RhB eine ganz besondere Stellung ein: Sie ist das historische «Flaggschiff».

Seit 2014 stehen die Räder der RHÆTIA still. Sie hat zahlreiche Altersgebrechen: Ihr Kessel muss umfassend saniert und ihre Feuerbüchse ersetzt werden. Das Bremsgestänge, der Stangenantrieb, die Achs- und Triebstangenlager benötigen eine fachmännische Überarbeitung und die Schieber- und Arbeitszylinder der Dampfmaschine müssen sorgfältig revidiert werden. Nicht zuletzt brauchen auch die Triebradsätze neue Bandagen.

Der Club 1889 hat unter anderem zwei historische Personenwagen und einen Gepäckwagen aus den Jahren 1889 bis 1897 restauriert. Dadurch kann dank der RHÆTIA eine ganze Zugskomposition aus der Gründerzeit der RhB gebildet werden. Dieser Umstand erhöht den Wert der RHÆTIA in erheblichem Masse, ist es bei den meisten Bahnen nicht mehr möglich, eine ganze Zugskomposition aus der Gründerzeit vorzeigen zu können bzw. 1:1 erlebbar zu machen. 

Die Projektgruppe RHÆTIA, bestehend aus Mitgliedern der historic RhB Vereine, möchte die Dampflok optisch weitgehend wieder im Zustand ihrer Ablieferung an die LD herrichten, damit sie weiterhin als bedeutendes dampfendes Denkmal der historischen Bündner Eisenbahnflotte zur Freude von alt und jung verkehren kann.

Die Betriebsjahre, 1889 - 1928

Die Vorgängerunternehmung der Rhätischen Bahn AG, die «AG Schmalspurbahn Landquart– Davos» (L-D) bestellte als Erstausstattung für die Strecke Landquart–Davos bei der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur (SLM) fünf Nassdampf-Tenderlokomotiven des Typs G 3/4 («Mogul») mit den Nummern 1 bis 5 und den Namen «RHÆTIA», «Prättigau», «Davos», «Flüela» und «Engadin». Die Namen dieser Dampflokomotiven sollten bereits aufzeigen, in welche Richtung sich das Streckennetz der LD unter Führung des umtriebigen und bekannten holländischen Firmengründers Willem Jan Holsboer ausdehnen könnte. Die Inbetriebsetzung der RHÆTIA erfolgte am 8. 7. 1889. Neben diesen fünf Dampflokomotiven umfasste der Rollmaterialpark 18 zweiachsige Personen-, 3 Gepäck- und 21 Güterwagen. Bereits 1893 wurden bei der Lok die Achsen und Radsätze ausgetauscht. Ausserdem erhielt die Nr. 1 RHÆTIA bereits 1894 eine neue Feuerbüchse. Anfangs waren die Nummern 1-3 im Winter mit grossen Schneepflügen ausgestattet. Auf drängen des Kurorts Davos rüstete die RhB nach 1899 alle Lokomotiven mit Rauchverzehrern aus.

Vermutlich 1895/1896 wurde die RHÆTIA durch die neu gegründete RhB neu beschriftet und verlor ihren Loknamen.  Mit der Auslieferung der Leistungsstärkeren Mallet- Lokomotiven wurden die kleineren G 3/4 bei Vorspanndiensten oder in leichtere Züge eingesetzt. Der «Bergdienst» verrichteten fortan meist die Leistungsstärkeren und neueren Dampflokomotiven. In den Jahren ab 1910 setzte die RhB die G 3/4 vermehrt auf Transportzügen der im Bau befindlichen Strecken ein. Nach Ablieferung der G 4/5-Schlepptender-Lokomotiven kamen die G 3/4 in die Reserve. Nach Abschluss der Elektrifikation und dem damit verbundenen Einsatz modernerer, stärkerer und kostengünstigerer Elektrolomotiven wurde die RHÆTIA 1928 durch die RhB ausgemustert. 

Die Pensionsjahre, 1928 bis Heute

Wohl unter der Prämisse, dass sie dereinst als Denkmallok dienen könnte, liess die RhB die RHÆTIA nicht verschrotten, sondern lagerte sie vorerst in Landquart ein. Als 1942 der «Verein Verkehrshaus der Schweiz» unter Beteiligung der SBB und der damaligen PTT  in Zürich gegründet wurde, übergab die RhB den SBB ihre Lok Nr. 1  im Jahre 1947 als Leihgabe. Das Verkehrshaus der Schweiz konnte aber erst 1959 am Vierwaldstättersee eröffnet werden, nachdem die Stadt Luzern dem Verein entsprechendes Land zur Verfügung gestellt hatte. Leider – oder zum Glück – fand die RHÆTIA keine Aufnahme in die Fahrzeugsammlung. Das führte dazu, dass die RHÆTIA dreimal ihren Remisierungsstandort wechselte: vom Tramdepot der Verkehrsbetriebe Zürich in Wiedikon zum Depot Vallorbe und ins Depot Chexbres-Villages. 1970 nahm sich die Museumsbahn «Blonay–Chamby» (BC) ihrer an und arbeitete sie fahrtüchtig auf. Die BC stattete die Lok mit einer Friedmann-Schmierpumpe und einem Turbogenerator für die elektrische Beleuchtung aus. Die RHÆTIA wurde alsdann von 1980 bis 1988 im Sommer vor BC-Museumszügen auf der Strecke der BC selber, aber auch auf den Linien MOB (Montreux-Oberland-Bahn) und der GFM (Chemins de fer fribourgeois Gruyère–Fribourg–Morat) eingesetzt. 

Im Hinblick auf das grosse Jubiläum «100 Jahre RhB» von 1989 entschlossen sich die RhB-Verantwortlichen dazu, den Leihvertrag mit der BC nicht mehr zu verlängern und die RHÆTIA wieder nach Graubünden zurückzuholen. Das erforderte einiges an Verhandlungsgeschick und Fingerspitzengefühl, da die BC-Verantwortlichen «ihre» Lok, die sie mühevoll aufgearbeitet hatten, nicht ohne weiteres hergeben wollten. Bis 2014 wurde die «RHÆTIA» sehr zur Freude der Bahnbegeisterte aus nah und fern vor Nostalgiezügen eingesetzt. Besonders erwähnenswert waren die Aufsehen erregenden Einsätze auf der Berninalinie, bei der ehemaligen Misoxerbahn sowie wiederum bei der BC zum 40-Jahre-Jubiläum der Museumsbahn 2008. Im Jubiläumsjahr 2014 «125 Jahre RhB» erfolgte der letzte Einsatz der RHÆTIA. Kurz danach wurde festgestellt, dass sie aufgrund altersbedingter Schäden in der Feuerbüchse, an den Wasserrohren und am Fahrwerk nicht mehr eingesetzt werden darf. Seither ist sie im RhB-Depot in Landquart sorgsam remisiert.

Rückkauf-Vertrag B-C _RhB

Original Scan Rückkauf.pdf (1,4 MiB)
Technische Daten G 3/4
Technische Daten  
Nummerierung 1-16
Anzahl 5 1. Serie (1889)
3 2. Serie (1893)
8 3. Serie (1901-1908)
Hersteller SLM (Winterthur)
Achsformel 1'C
Bauart Nassdampf- Zwillingsmaschine
Gattung Tenderlokomotive
Länge über Puffer 7945mm
Leergewicht 23.5t
Dienstgewicht 30.2t
Höchstgeschwindigkeit 45 km/h
Dauerleistung 184 kW (250 PS) bei 20 km/h
Dauerkraft 3300kg bei 20 km/h
Treibraddurchmesser 1'050mm
Laufraddurchmesser 700mm
Zylinderdurchmesser 340mm
Kolbenhub 500mm
Kesselüberdruck 12bar
Wasservorrat 2'600 Liter
Brennstoffvorrat (Kohle) 950kg
Verbleib der G 3/4 der RhB
Betriebsnummer Inbetriebssetzung Fabriknummer Name Ausrangierung Verbleib
1 08.07.1889 577 RHÆTIA 1928 1928 - 1970 diverse Standorte in der Schweiz (abgestellt)
1970 Blony-Chamby(Betriebsfähig)
ab 1988 zurück an RhB (Betriebsfähig
Seit 2014 abgestellt
2 05.08.1889 578 PRAETTIGAU 1925 verschrottet
3 16.08.1889 579 DAVOS 1917 an Prinz-Heinrich-Bahn(Nr.S3), 1943 DR 99 271, 1945 CFL 351, verschrottet 1954
4 10.10.1889 580 FLUELA 1917 an Prinz-Heinrich-Bahn(Nr.S5), 1943 DR 99 272, 1945 CFL 352, verschrottet 1954
5 13.10.1889 581 ENGADIN 1917 an Prinz-Heinrich-Bahn(Nr.S6), 1943 DR 99 273, 1945 CFL 353, verschrottet 1954
6 05.03.1896 960 LANDQUART 1923 923 an Administração Portuária do Recife (Hafenverwaltung von Recife, Bundesstaat Pernambuco) in Brasilien verkauft; verschollen
7 19.03.1896 961 CHUR 1923 1923 an Centovallibahn. verschrottet 1943
8 01.04.1896 962 THUSIS 1923 1923 an Centovallibahn. verschrottet 1943
9 10.06.1901 1369 - 1926 1926 an Brünigbahn (SBB Nr. 127), verschrottet 1941
10 25.06.1901 1370 - 1926 1926 an Brünigbahn (SBB Nr. 128), verschrottet 1941
11 08.01.1903 1476 - (später Heidi) 1977 1977 an Modelbahnfreunde Eiger, 1999 an Club 1889, Seit 2015 wieder Betriebsfähig in Samedan (RhB)
12 23.01.1903 1477 - 1923 1923 an Stahlwerk Sagunt, Spanien (Nr. 207 "Algimia"), verschrottet um 1970
13 06.02.1903 1478 - 1950 verschrottet 1950
14 06.02.1903 1479 - (später Madlaina) 1972 1972 an Dampfloki- Verein Appenzelle Bahnen (Betriebsfähig)
15 31.07.1908 1910 - 1924 1924 an Brünigbahn (SBB Nr. 215), verschrottet 1942
16 31.07.1908 1911 - 1924 1924 an Brünigbahn (SBB Nr. 216), verschrottet 1942

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Verbleib G 3/4 LD / RhB (75,1 KiB)

Historische Würdigung der RHÆTIA

Die Bedeutung der RHÆTIA aus denkmalpflegerischer Sicht ist in der Dokumentation «Denkmalpflegerische Würdigung und Wertung der historischen Fahrzeuge der RhB» kurz erläutert. Diese Dokumentation wurde im Auftrag der Bündner Denkmalpflege 2008 durch Hans-Peter Bärtschi der ARIAS Industriekultur, Winterthur, erarbeitet mit dem Ziel, Investitionen seitens der Denkmalpflege zu priorisieren. Folgende Punkte sind dabei in Bezug auf die RHÆTIA von Interesse:

– Die RHÆTIA hat nationale Bedeutung als eine der ältesten Loks der Schweiz und als «Gründerlok» der Rhätischen Bahn.
– Die RHÆTIA repräsentiert den bei der Rhätischen Bahn einst beliebten 3/4 gekuppelten Tenderloks in der ersten Bauform.
– Die RHÆTIA ist weitgehend im Originalzustand erhalten.
– Die RHÆTIA ist Zeugin sehr früher Bestrebungen zum Erhalt eines historischen Eisenbahnfahrzeugs.

Mehr zur historischen Würdigung der RHÆTIA sowie des restlichen historischen Rollmaterials der RhB finden sie hier